| Wirtschaft

Wenn Worte Brücken bauen

Warum wir einander wieder zuhören müssen

Die öffentliche Debatte wirkt zunehmend polarisiert – doch eine aktuelle Studie zeigt, dass die tatsächlichen Meinungsunterschiede oft kleiner sind, als wir denken. Dieser Beitrag erklärt, wie wir mit bewusster Sprache und einer offenen Grundhaltung zu konstruktiveren Gesprächen finden können. Er ist eine Einladung, Debatten nicht lauter, sondern verständnisvoller zu führen.

Von: Johanna Dreyer

Einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2025 zufolge hat die Mehrheit der Bevölkerung den Eindruck, dass die in der Gesellschaft vertretenen Meinungen zunehmend auseinanderdriften, mehr als die Hälfte nimmt sogar eine Spaltung in zwei gegensätzliche Lager wahr (Wissenschaft im Dialog 2025). Diese Ergebnisse stimmen vermutlich für viele mit der Wahrnehmung überein, dass in der gegenwärtigen Diskussionskultur nur noch wenig Raum für Grautöne und einen ruhigen, sachlichen Austausch zu bleiben scheint. Der offene Diskurs ist ein zentraler Bestandteil einer jeden Demokratie, weshalb die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers zunächst erschreckend im Hinblick auf den Erhalt unserer demokratischen Gesellschaft wirken.

Doch ein genauer Blick in die Studienergebnisse führt zu einer spannenden Erkenntnis: Die tatsächlichen Meinungsunterschiede bezüglich zentraler gesellschaftlicher Themen wie Migration, gendergerechter Sprache oder Umverteilung zwischen Arm und Reich fallen gar nicht so groß aus, wie es die emotional aufgeladene, öffentliche Debatte zunächst vermuten lässt. Und: Die Mehrheit der Befragten gibt an, grundsätzlich offen für Gespräche mit Menschen zu sein, die völlig anderer Meinung sind als sie selbst – lediglich 16 Prozent räumten ein, sich einem solchen Diskurs gegenüber zu verschließen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verhärtung des aktuellen Diskurses weniger auf einer tatsächlichen gesellschaftlichen Spaltung fußt, sondern vielmehr Ausdruck fehlgeschlagener Kommunikation ist. Doch welche Rolle spielt unsere Sprache im politischen Diskurs?

Die Macht der Sprache

Unsere Sprache ist eines unserer stärksten Ausdrucksmittel. Die Art, wie wir uns ausdrücken, gibt unserem Gegenüber eine Idee davon, welche Werte wir vertreten und welche Haltung wir zu bestimmten Themen einnehmen. Beginnen wir beispielsweise einen Vortrag mit der Anrede „Liebe Zuhörer*innen“, wird dies eine andere Wirkung auf unser Publikum haben als „Liebe Zuhörer“. Je nachdem, wie die Zuhörenden selbst zum Thema Gendern eingestellt sind, wird eine gegenderte Ansprache ihnen womöglich positiv auffallen, auf Gleichgültigkeit treffen oder Empörung hervorrufen. Anhand zweier Worte wird bei den Menschen im Publikum eine Fantasie darüber entstehen, welche moralische Einstellung wir verkörpern – ob diese Fantasie der Wirklichkeit entspricht, steht auf einem anderen Blatt. Nicht immer entspricht unser sprachlicher Ausdruck unserer tatsächlich gelebten Moral. So mag es sein, dass jemand zwar der Wirkung halber fleißig gendert, aber bei der Frage danach, wer die nächste Führungsposition erhalten sollte, doch immer Andreas, Michael oder Christian vorzieht – und dennoch wird der sprachliche Ausdruck zunächst einen großen Einfluss darauf nehmen, für wie wahrscheinlich wir dies halten.

Insbesondere dort, wo unser Gegenüber bisher nur wenige Informationen über unsere moralischen Vorstellungen hat, wird unsere Sprache als Aushängeschild für unseren inneren Wertekompass gedeutet. Welche Worte wir wählen, auf welche Aussagen wir in welcher Form reagieren, welche Themen wir setzen – all dies hilft unserem Gegenüber dabei, einen ersten Entwurf unserer Person zu skizzieren. Und ebenso sehr, wie unsere Art der Kommunikation Auslöser für eskalierende Konflikte sein kann, so kann sie auch der Türöffner für eine konstruktive Streitkultur und einen Austausch sein, der auf Annäherung statt auf Spaltung ausgerichtet ist. Doch wie kann dies gelingen?

Auf die Haltung kommt es an

Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, welcher sprachliche Ausdruck für eine konstruktive Kommunikation hilfreich ist, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, welchen Eindruck wir im Gespräch vermitteln wollen. Ein Großteil dessen, was in der zwischenmenschlichen Kommunikation geschieht, spielt sich zwischen den Zeilen ab. Zwar kommt es auch darauf an, was wir sagen, doch vor allem darauf, wie wir es sagen: wie unsere Körpersprache das Gesagte unterstreicht und in welchem wir Tonfall wir sprechen (siehe Abb. 1).

Dieses Wie wird vor allem von der inneren Haltung beeinflusst, mit der wir in ein Gespräch treten. Mit welcher versteckten Agenda führen wir das Gespräch? Wie denken wir über unser Gegenüber? Wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, wie wir eine Kommunikation fördern können, die einen konstruktiven Austausch stärken kann, müssen wir uns zuallererst fragen, ob wir innerlich auch wirklich offen für ebendiesen sind. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinandertreffen, besteht die Gefahr, dass Kommunikation vor allem dem Zweck dient, den vermeintlich „Andersdenken“ wissen zu lassen, wie falsch seine Meinung doch ist, oder diesen gar von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen. Und auch wenn wir dieses Ziel nicht explizit kundtun, so wird dies doch in der Art, wie wir im Gespräch auftreten, für unser Gegenüber spürbar sein und schnell auf Abwehr treffen.

Eine demokratische Gesellschaft lebt von der Meinungsvielfalt – wir sollten also aushalten können, dass es unterschiedliche Meinungen zu gesellschaftlichen Themen gibt. Mein Blick auf die Welt wird ein anderer sein als dein Blick auf die Welt (siehe Abb. 2). Und sowohl du als auch ich werden aus unserer Sicht gute Gründe haben, wie wir zu dieser Sicht gelangen. Hierbei spielen Prägung, Lebenserfahrungen, Einflüsse aus dem sozialen Umfeld sowie die Art und Weise, wie wir unsere Informationen beziehen, eine wichtige Rolle. Wenn es uns gelingt, offen für die Idee zu sein, dass unser Blick auf die Welt nicht der einzig richtige ist und unser Gegenüber womöglich gar nicht von unserer vermeintlich „richtigen“ Meinung überzeugt werden will, so kann es in einem nächsten Schritt auch gelingen, anderen Sichtweisen eher mit Neugierde, statt mit Abwehr zu begegnen.

Ein konstruktiver Austausch braucht Zeit

Ein konstruktiver Austausch kann nur funktionieren, wenn wir uns Zeit nehmen, uns gegenseitig auch wirklich zuzuhören. Es ist sicherlich nicht sinnvoll, die in politischen TV-Debatten oftmals zu beobachtende Eigenart an den Tag zu legen, Mit-Diskutierenden möglichst früh ins Wort zu fallen, noch bevor diese zum wesentlichen Kern ihrer Aussage kommen konnten. Oftmals reicht ein Schlagwort, um die Emotionen in die Höhe zu treiben. Allzu schnell wird so aus einem Dialog ein monologisierender Schlagabtausch, nach dessen Ende keine Seite wirklich mehr über die Position des Gegenübers weiß als zuvor. Doch Annäherung entsteht nur da, wo wir uns Zeit nehmen, den anderen mit seiner ganz persönlichen Sichtweise verstehen zu können. Und Verstehen heißt nicht, dass wir zwangsläufig Verständnis (= Empathie) aufbringen müssen und noch viel weniger, dass wir unser Einverständnis (= inhaltliche Zustimmung) geben müssen. Verstehen heißt, auf der Sachebene nachvollziehen zu können, wie jemand zu seiner Sichtweise gelangt. Denn nur so öffnen wir den Raum, um Debatten inhaltlich fundiert führen zu können.

Mut zur Frage

Ein zielführendes und oftmals unterschätztes Mittel, diesen Raum zu schaffen, ist das Stellen von Fragen. Möchten wir besser verstehen können, wie eine Person zu ihrer Meinung gelangt, welche Bedürfnisse hinter dieser stecken und welche Lösungsideen sie für sinnvoll hält, so erfahren wir dies am besten, wenn wir ihr mit entsprechenden Fragen den Weg ebnen („Wie denkst du darüber?“, „Wie kommst du zu dieser Meinung?“, „Was hältst du für eine sinnvolle Lösung?“). Die hierauf folgenden Antworten müssen uns weder gefallen noch müssen wir ihnen zustimmen, und doch sorgt ein offener Austausch über die inneren Beweggründe oftmals dazu, dass sich verhärtete Fronten aufweichen. Wo sich Menschen grundlegend gehört fühlen, müssen sie zwangsläufig weniger extreme Mittel einsetzen, um sich überhaupt erst Gehör zu verschaffen. Nur so kann ein sachliches, weniger von Emotionen geleitetes Gespräch möglich werden.

Annäherung ist keine Einbahnstraße

Offen für die Sichtweise anderer zu sein bedeutet nicht, die eigene Sichtweise nicht mehr klar vertreten zu dürfen. Im Gegenteil: Ein konstruktiver Austausch sollte immer in beide Richtungen stattfinden. Ebenso sehr, wie wir unserem Gegenüber die Möglichkeit geben, seine Sicht zu erläutern, so sollten wir ihm auch die Möglichkeit geben, unsere Sicht der Dinge zu verstehen. Dies gelingt am besten, wenn wir nicht nur kundtun, welche Einstellung wir vertreten, sondern auch, weshalb wir dies tun, welche Motive uns leiten. Hierbei ist es sinnvoll, ganz bei der eigenen Perspektive zu bleiben (sogenannte „Ich-Botschaften“), ohne im selben Atemzug die Perspektive des anderen schlechtzureden.

Wurde beiden Seiten ermöglicht, ihre Sichtweise darzulegen, kann ein nächster Schritt darin bestehen, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die trotz aller Unterschiedlichkeit bestehen. Die zu Beginn des Artikels erwähnten Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers 2025 deuten darauf hin, dass die in der Gesellschaft vertretenen Meinungsunterschiede in Bezug auf wichtige gesellschaftliche Fragen oftmals weniger stark ausfallen, als es die öffentlich geführte Debatte vermuten lässt. So mag es sein, dass Menschen, die zunächst scheinbar unvereinbare Positionen vertreten, letztlich feststellen, dass sie ähnliche Sorgen beschäftigen und Bedürfnisse leiten, wenn sie sich nur ausreichend Zeit nähmen, einander zuzuhören und miteinander, statt gegeneinander zu sprechen. Erst dann kann eine gemeinsame Suche nach Antworten auf zentrale Fragen gelingen, die unterschiedliche Meinungen integriert und verschiedene Lösungsansätze miteinander verbindet.

Grenzen setzen

Der Versuch, einen konstruktiven Austausch anzuregen, muss und sollte im Sinne des Selbstschutzes Grenzen mit sich bringen. Voraussetzung für einen respektvollen, auf Annäherung statt Spaltung abzielenden Austausch ist, dass beide Seiten ein hierzu passendes Verhalten an den Tag legen und ein Mindestmaß an gemeinsamen Werten vorhanden ist. Wenn wir als Person persönlich angegriffen werden oder die Art der Kontaktgestaltung vermuten lässt, dass unser Gegenüber destruktiv statt konstruktiv in das Gespräch tritt und uns gegenüber nicht die notwendige Offenheit zeigt, dann dürfen wir die Tür schließen, statt sie weiterhin offen zu halten.

Unsere begrenzten Kapazitäten sind zu kostbar, um sie an die 16 Prozent, die sich einem konstruktiven Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Meinung verschließen, zu verschwenden. Stattdessen sollten wir uns auf die deutliche Mehrheit von 84 Prozent konzentrieren, um unsere Sprache als wirksames Mittel gegen Spaltung und für mehr zwischenmenschliche Annäherung bewusst einzusetzen.

Quellen

Wissenschaft im Dialog (2025): Wissenschaftsbarometer 2025. Repräsentative Bevölkerungsumfrage zu Wissenschaft und Forschung in Deutschland [PDF-Broschüre]. Berlin: Wissenschaft im Dialog. Online abrufbar unter: https://wissenschaft-im-dialog.de/documents/473/Broschüre_Wissenschaftsbarometer2025. pdf (abgerufen am 07.11.2025).

Der Beitrag erschien in der Ausgabe "Moral" im Fachmagazin für Konfliktlösung, Entscheidungsfindung und Kommunikation DIE MEDIATION.  

Immer auf dem Laufenden

Bleiben Sie über unseren Newsletter informiert über unsere Ausbildungen, Veranstaltungen und Projekte.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 2 plus 5.