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Was hälst die Gesellschaft zusammen?

Eine konflikttheoretische Perspektive von Prof. Dr. Gernot Barth

Die Notwendigkeit von mediativem (Ver-)Handeln in Deutschland scheint größer denn je. Die gesellschaftliche Situation ist angespannt, die Zahl der Protestbewegungen steigt. Digitalisierung treibt die Globalisierung voran und macht das Leben jedes Einzelnen immer schneller und komplexer. Die Anzahl an Schnittstellen wächst und mit ihr der Abstimmungs- und Verhandlungsbedarf.

Verhandlungen aber werden zunehmend anspruchsvoller durch ein gewandeltes, Ich-bezogenes Selbstverständnis der Verhandlungspartner. Die hochgradige Individualisierung in Deutschland stärkt den Wunsch nach Autonomie und Selbstbestimmung und verhindert bisweilen, seinem Gegenüber empathisch zu begegnen. Empathie und damit die Bereitschaft, den anderen wirklich verstehen zu wollen, bilden jedoch die Grundlage zur Lösung von Konflikten. Wo steht unsere Gesellschaft in diesem eskalierenden Prozess und wie könnte deeskaliert werden?

Ein kurzer Blick auf die Eskalationsstufen

Die Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl sind in drei Hauptphasen unterteilt, die jeweils drei Zwischenstufen umfassen. In der ersten Hauptphase sind die Konfliktparteien noch offen und bestrebt, das beste Ergebnis für sich und den anderen zu erzielen (win-win). Aus einer anfänglichen Meinungsverschiedenheit wird eine argumentative, weitgehend noch sachlich geführte Auseinandersetzung, bei der sich der Druck langsam erhöht. In der zweiten Hauptphase wird die Auseinandersetzung auf der persönlichen, der Beziehungsebene geführt, es werden Koalitionen gebildet, das Gegenüber wird durch Unterstellungen in seiner Identität angegriffen und schließlich bedroht. In dieser Phase des Konflikts kann es nur noch einen Gewinner geben (win-lose). In der dritten und letzten
Eskalationsphase geht es darum, den anderen zu „zerstören“, zu „vernichten“. Eigener Schaden wird dabei billigend in Kauf genommen, solange der Schaden des anderen größer ist. In diesem hocheskalierten Zustand verlieren beide Parteien gleichermaßen (lose-lose).

Abb. 1: Stufen der Konflikteskalation (Quelle: endless creative / Holm Klix nach Glasl 1994: 362 ff.).

Wo stehen wir?

Innenpolitisch bewegen wir uns in Deutschland meines Erachtens derzeit zwischen den Stufen 5 bis 7. Rechts-links-Attribuierungen beherrschen viele unversöhnlich geführte Debatten; ähnlich gegensätzlich wird die Klimadiskussion geführt, die jeweiligen Gegner werden nicht nur sachlich für inkompetent erklärt, sondern auch in ihrer Persönlichkeit diskreditiert.

Ein wirkliches Interesse, die Beweggründe der jeweils anderen Konfliktpartei zumindest zu verstehen, auch wenn sie in den eigenen Augen vielleicht noch so abwegig erscheinen, ist bei vielen nicht mehr gegeben. Die Wahrnehmung ist stark vereinfacht und auf negative bzw. bedrohliche Aspekte beschränkt. Auch außenpolitisch hat Deutschland den hocheskalierten Zustand bereits erreicht. Deutlich wird dies unter anderem an der Embargopolitik zwischen Deutschland bzw. der EU und Russland. Seit 2014 sind die EU-Sanktionen gegen Russland in Kraft und treffen seitdem die Wirtschaft auf beiden Seiten empfi ndlich.

Demografi scher Wandel

Für die Formung der Konfl ikte in Deutschland ist auch ein historisch besonderer Umstand maßgebend: der demografische Wandel. In der Zeit zwischen 1910 und 2040 könnte sich die Bevölkerungspyramide quasi umgekehrt haben. Jede zweite Person in Deutschland ist heute älter als 45 und jede fünfte Person älter als 66 Jahre (Statistisches Bundesamt 2016). Der geburtenstärkste Jahrgang von 1964 ist heute 56 Jahre alt und wird sich in spätestens zehn Jahren zum überwiegenden Teil im Ruhestand befi nden. Dieser Umstand hat gravierende Auswirkungen, nicht nur auf das deutsche Rentensystem, sondern auch auf das politische Denken, auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und dessen Prioritätensetzung.

Abb. 2: Altersstruktur in Deutschland 1910–2040 (Quelle: endless creative / Holm Klix nach Statistisches Bundesamt 2016).

Wir leben in einer Demokratie, in der Mehrheiten bestimmen, was im Land passiert. Politiker brauchen Wählerstimmen und entwickeln entsprechend Parteiprogramme, die in erster Linie der älteren und damit größeren Bevölkerungsschicht zugutekommen. Th emen wie Rente, Pfl ege und soziale Absicherung dominieren derzeit die politische Agenda. Zukunft sthemen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Bildung, Infrastruktur und Innovation stehen hintenan. Wer glaubt, es verhielte sich überall auf der Welt so, der schaue zum Beispiel auf die Investitionen asiatischer Staaten. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte im Jahr 2013 auf einer Pressekonferenz in Bezug auf das US-amerikanische Überwachungsprogramm PRISM: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Und auch im Jahr 2019 behauptete Forschungsministerin Anja Karliczek noch, wir bräuchten das 5G-Kommunikationsnetz nicht „an jeder Milchkanne“. Digitalisierung ist bei älteren Wählern off enbar wenig populär. Entwicklungspsychologisch gesehen, ist diese ältere Generation eher an der Bewahrung des selbst Geschaff enen interessiert, denn an dessen Veränderung.

Der Wutbürger

Seit dem Projekt „Stuttgart 21“ kursiert in den Medien der Begriff des „Wutbürgers“. Er beschreibt eine überwiegend ältere Bevölkerungsgruppe (damals, circa 2006) ab 45 Jahre, die über einen überdurchschnittlichen Bildungs- und Vermögensstand verfügt.
Das Einkommen ist wesentlich über Rente, Gehälter und / oder Immobilien gesichert. Es ist genügend Erfahrung und Intellekt vorhanden, um sich mit komplexen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen und sich entsprechend für sie zu engagieren.

Diese Bevölkerungsgruppe sieht durch infrastrukturelle Großprojekte, wie zum Beispiel den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs
und die Erweiterung des Frankfurter Flughafens oder die Errichtung von Bahn- und Stromtrassen, ihre Heimat bzw. Identität und ihr Vermögen bedroht und organisiert sich in öffentlich sichtbaren Protesten – mit nachhaltigem Erfolg und Einfluss auf die zukünftige infrastrukturelle Entwicklung des Landes (Barth 2014). Man schaue sich aktuell nur die Protestgruppen zum Bau der Tesla-Fabrik in Grünheide an.

Zukunftsperspektive: Was kann getan werden?

Die Bevölkerungsschicht der „Wutbürger“ – also Bürger im eskalierten Zustand, die sehr leicht erregbar sind – könnte in Deutschland auch die nächsten Jahre oder sogar Jahrzehnte laut und erfahren ihre Stimme erheben. Hinzu kommt aus demokratietheoretischer Sicht, dass der Anteil der Bevölkerung 60+ erheblich steigen wird, und ihre Vertreter haben einfach andere Anliegen als jüngere Generationen.

Doch auch die junge Generation ist zunehmend protestwillig, insbesondere wenn es um Klimafragen geht, wie die globale Bewegung Fridays for Future zeigt. Es deutet sich möglicherweise – in aller Vorsicht formuliert – ein eskalierender Generationenkonflikt an.
Um die Gesellschaft zusammenzuhalten bzw. wieder zusammenzuführen, ist ein echter Dialog zwischen allen Parteien notwendig. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Menschen im eskalierten Zustand NICHT ZUHÖREN und NICHT VERSTEHEN KÖNNEN! 

Dialoge zwischen den Generationen oder konkurrierenden Bevölkerungsgruppen, sei es in den Medien oder in Foren, bedürfen daher einer neutralen Vermittlung und keiner parteiischen Moderation. Es bedarf mediativer Kompetenzen (nicht zwingend Mediatoren). Im Interesse eines Zusammenhalts der Gesellschaft sollten Dialoge mit ALLEN geführt werden und Ausschluss die Ausnahme sein. Letzteres sollte nicht in der argumentativ vertretenen Position begründet liegen, sondern im nichtdialogischen Verhalten.

Lernen wir also (wieder?), einander richtig zuzuhören. Versuchen wir, ab und an die Perspektive zu wechseln, auch wenn es schwerfällt.

Literatur
Barth, Gernot (2014): Der Wutbürger – eine neue Spezies wächst heran. Die Mediation 3/2014, S. 28 f.
Glasl, Friedrich (1994): Konfliktmanagement. Ein Handbuch zur Diagnose und Behandlung von Konflikten für Organisationen und ihre Berater. Haupt: Bern/ Stuttgart: Verl. Freies Geistesleben.
Statistisches Bundesamt (2015): Bevölkerungsentwicklung in den Bundesländern bis 2060. Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden.

Dieser Artikel ist in Die Mediation erschienen, das Fachmagazin für Konfliktlösung, Entscheidungsfindung, Kommunikation. Ausgabe Quartal I/2020.

 

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