| Familie & Soziales

Trennung und Scheidung aus Kindersicht

Trennungs- und Scheidungskinder – ein viel diskutiertes Thema. In der Literatur findet man eine Vielzahl von Wegweisern für den Umgang mit Kindern nach der Trennung, Tipps zur weiteren Erziehung und Ausführungen zur rechtlichen Situation. Diese haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind geschrieben von Erwachsenen. Dieser Artikel versucht, die Problematik aus der Perspektive der Betroffenen selbst – der Kinder – darzustellen. Annica Vieser, 14 Jahre alt, lässt Trennungs- und Scheidungskinder zu Wort kommen, um ihre persönliche und emotionale Sicht auf die Thematik zu erläutern.

Von: Annica Vieser

Für Emil, 15, ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dass seine Eltern getrennt sind. „Das ist so lange her, das ist jetzt Alltag für mich“, sagt er. Er war sieben Jahre alt, als sich die Trennung bereits durch endlose Auseinandersetzungen ankündigte. Emil erinnert sich daran, dass er sehr traurig war, als sein Vater schließlich aus der elterlichen Wohnung auszog, sich aber nicht die (Mit-)Schuld dafür gegeben hat. Heute wohnt Emil dem Wechselmodell entsprechend bei beiden Elternteilen, sieht seine Mutter aber häufiger und hat einen kleinen Halbbruder. „Meine Eltern kommen nicht besonders gut miteinander klar – aber naja, sie hassen sich auch nicht“, sagt er.

Etwa jedes dritte Kind wächst wie Emil mit getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern auf. Ihre damit verbundenen Gefühle und Erlebnisse sind sehr unterschiedlich – ein paar ihrer Ansichten habe ich in Gesprächen einzufangen versucht. Zu meinem Erstaunen sind mir die Jugendlichen, die ich befragt habe, sehr aufgeschlossen begegnet; fast schienen sie froh zu sein, jemandem ihre Erlebnisse mitteilen zu können.

Auch meine Eltern haben sich getrennt. Damals ist etwas in mir zerbrochen: die kindliche Überzeugung, dass ich, dass alle Menschen, das Produkt einer wahren und ewigen Liebe sind.

Trennung – ein Neuanfang mit Happy End

Ihr Vater sei für ihre Mutter wie ein weiteres Kind gewesen – und dazu habe diese einfach nicht genug Kraft gehabt, erzählt Melanie. Deshalb lösten ihre Eltern ihre Verlobung auf und trennten sich. Melanies Vater wohnt jetzt etwa zwei Stunden Autofahrt entfernt und er ist viel beschäftigt – deshalb ist es mitunter schwierig und mühselig, in Kontakt zu bleiben. Sie sehen sich hauptsächlich in den Ferien und bei Feierlichkeiten. „Ich habe manchmal das Gefühl, mein Papa hängt so an uns, weil er sonst ganz alleine ist“, meint sie.

Im Gegensatz zu Melanie, die etwa zwei Jahre alt war, als ihr Vater auszog, haben ihre beiden älteren Geschwister die Trennung der Eltern bewusst miterlebt. „Es fehlt etwas in der Beziehung zwischen meinem Bruder und meinem Papa“, sagt sie.

Ihre Mutter hat eine neue Partnerin gefunden, mit der sich Melanie gut versteht und die bereits einige Jahre gemeinsam mit ihnen in einem Haus wohnt. Sie fühlt sich Gleichaltrigen gegenüber, deren Eltern noch ein Paar sind, nicht benachteiligt. „Ich finde es gerade sehr schön, wie ich lebe“, sagt sie lächelnd. Was macht eine glückliche Familie aus? Das Füreinander-Dasein, meint Melanie.

„Der Tod (eines Elternteils) ist nicht so schlimm wie die Scheidung“ – Worte eines Trennungskindes. Die Endgültigkeit des Todes scheint es der Ungewissheit, den Konflikten und möglicherweise der Scham über eine Trennung vorzuziehen. Die Jugendlichen, die ich befragt habe, teilen diese Ansicht nicht. „Beim Tod ist der Elternteil für immer weg – bei einer Trennung kann man ihn zumindest noch ab und zu sehen“, sagt Melanie. „Das ist doch total egoistisch, den Tod eines Elternteils gegenüber einer Trennung zu bevorzugen, die allen Beteiligten einen Neuanfang möglich macht.“

„Für mich war es eine Erlösung“

Anna ging in die Grundschule, als sich ihre Eltern trennten, und sie erinnert sich noch gut daran. In ihrer Familie hatte es viel Streit gegeben, vor allem wegen der Alkoholabhängigkeit ihrer Mutter. Wenn sie betrunken war, musste sie oft von der Polizei aus der Wohnung gebracht werden. Als die Beziehung ihrer Eltern dann schließlich zerbrach, hat sich Anna nie einsam oder im Stich gelassen gefühlt. Zum einen, weil sie mit ihren besten Freundinnen über ihre Probleme reden konnte, zum anderen wegen ihrer Schwester, die immer für Anna da war, auch wenn sie damals noch zu jung war, um die Situation zu begreifen.

Anna wurde die Hilfe einer Psychologin empfohlen, doch das brachte sie nicht wirklich weiter. Ihr wurde gesagt, dass sie den Kontakt zu ihrer Mutter braucht und aufrechterhalten soll – also haben sie telefoniert. „Aber das war alles eher nur aus Pflichtgefühl, und es hat sich ganz seltsam angefühlt“, sagt sie. Stattdessen hat es ihr geholfen, viel zu reden und Zeit mit ihrem Vater zu verbringen. „Er würde zum Glück niemals schlecht über meine Mutter reden. Ganz im Gegenteil, wenn ich nicht gut gelaunt bin und schlecht über meine Mutter rede, weist mein Vater mich zurecht“, betont sie.

Anna hat ihre leibliche Mutter jetzt seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Sie würde ihre Stiefmutter niemals „Mama“ nennen, ruft dieser Kosename doch so viele negative Erinnerungen hervor. Für sie verkörpert der Vorname ihrer Stiefmutter viel mehr mütterliche Liebe als der ihrer leiblichen Mutter.

Und wie sieht es mit ihrer eigenen Zukunft aus? Welche Wünsche haben die Jugendlichen an ihre eigenen Beziehungen? Emil hat sich darüber noch keine Gedanken gemacht, Melanie möchte später Kinder kriegen. Anna sagt: „Da hab ich noch keine Vorstellungen – vielleicht Kinder, vielleicht heiraten. Aber eigentlich verstehe ich den Sinn vom Heiraten nicht – man hat einen Ring, eine Party, ein schönes Kleid – und sonst ändert sich nichts. Und wenn sich die Menschen dann trennen, ziehen sie sich bei der Scheidung das Geld aus der Tasche und machen sich fertig. Ich will auf jeden Fall einen Mann finden, mit dem ich alt werde – und mit dem ich glücklich bin.“

Annica Vieser ist 14 Jahre alt und besucht die zehnte Klasse des BIP Kreativitätsgymnasiums Leipzig.

Der Beitrag Von Annica Vieser erschien DIE MEDIATION in der Ausgabe „Familie heute“. Werfen Sie einen Blick in die Ausgabe.

Damit bei einem Rechtsstreit zwischen den Eltern die Interessen des betroffenen Kindes nicht aus dem Blick geraten, wird von Rechts wegen ein Verfahrensbeistand eingesetzt. Dieser vertritt die kindlichen Belange vor Gericht. Erfahren Sie mehr über die Tätigkeit und die Ausbildung des Verfahrensbeistandes.

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