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Systemisches Denken in der transkulturellen Konfliktlösung
Die wissenschaftliche Kolumne
Systemisches Denken und systemische Praktiken können hilfreich sein, Kultur und transkulturelle Prozesse zu verstehen, und sie können zur Konfliktlösung und Mediation beitragen. Der Artikel bietet eine Annäherung an das Thema.
Text: Claude-Hélène Mayer
Systemisches Denken kann als eine Art „Denk-Kultur“ beschrieben werden (Ludewig 2005), die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie Individuen ihre Realität innerhalb sozialer Systeme gestalten (von Schlippe / Schweitzer 2009). Es bietet neue Ansätze, Perspektiven zu wechseln, Komplexität zu reduzieren und lösungsorientiert zu denken (de Shazer 2004).
Systemisches Denken in Konfliktlösung und Mediation
Im systemischen Denken geht es darum, Handlungsspielräume zu erweitern und Wahlmöglichkeiten auszubauen (von Foerster 1995). Dies kann in Konfliktlösungs- und Mediationsprozessen auf praktische Art und Weise unter Einbeziehung systemischer Konzepte wie Zirkularität, Lösungs-, Ressourcen- und Wachstumsorientierung und unter Anwendung systemischer Interventionen geschehen (Mayer / Viviers 2016).
Es hat sich gezeigt, dass systemisches Denken besonders gut in transkulturellen Konfliktlösungs- und Mediationsprozessen eingesetzt werden kann, um komplexe, adaptive Systeme, das heißt beispielsweise Individuen, Gruppen oder auch Organisationen, in ihrer (kulturellen) Gesamtheit oder in (kulturellen) Teilaspekten zu verstehen (Mayer / Viviers 2016) und Realitätskomplexitäten zu reduzieren (Luhmann 2001) – zum Beispiel komplexe Zusammenhänge vereinfacht darzustellen. Auf diese Weise können systemische Veränderungen über kulturelle Grenzen hinweg herbeigeführt werden.
Wenn beispielsweise zwei Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern fusionieren, ist es besonders wichtig, eine systemische Perspektive einzunehmen und die unterschiedlichen Aspekte, die es auf individueller, organisationaler, aber auch gesellschaftlicher Ebene zu berücksichtigen gilt, aus verschiedenen sozialen wie auch kulturellen Perspektiven zu betrachten und zu reflektieren. So kann es etwa bei der Fusion eines indischen und eines amerikanischen Unternehmens wichtig sein, aus der Perspektive von indischen und amerikanischen Managern, Angestellten oder den Vorständen vielerlei firmenrelevante Aspekte zu reflektieren, wie Führung, Fokus der Arbeit oder Wettbewerbsfähigkeit. Werden definierte Aspekte aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven betrachtet, interpretiert und bewertet, lässt sich anschließend eine systemische Strategie entwickeln, die potenziell alle kulturellen Perspektiven einfasst.
Im Folgenden sollen systemisches Denken und systemische Interventionen einführend im Blick auf Kultur und transkulturelle Ansätze in Konfliktlösung und Mediation betrachtet werden.

Transkulturelle Ansätze in Konfliktlösung und Mediation
Transkulturelle Ansätze in Konfliktlösung und Mediation zielen darauf ab, Individuen, Gruppen und Organisationen über kulturelle Grenzen hinweg zu verstehen und mit ihnen konstruktiv zu arbeiten (Treichel / Mayer 2011). Dabei wird Kultur als erlernbar, dynamisch und veränderbar definiert und ist als ein komplexes System zu verstehen, das die Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Handlungen von Menschen beeinflusst und gleichzeitig durch diese geprägt wird (Bhugra /Becker 2005). Das Konzept der Transkulturalität weist darauf hin, dass Kulturen nicht mehr als geschlossene, in sich homogene Systeme – wie dies für eine lange Zeit angenommen wurde –, sondern als in sich heterogene, vielfältige, hybride Systeme zu verstehen und anzuerkennen sind (Welsch 2011).
Um den beschriebenen kulturellen Komplexitäten in Konfliktlösungssituationen gerecht zu werden, sind transkulturelle Kompetenzen notwendig, wie der Einsatz von Reflexivität und Bewusstwerdung über komplexe (kulturelle) Phänomene, Hintergrundwissen und Erfahrung über soziale, kulturelle und psychische Prozesse sowie die narrative Empathie, mit der man sich in andere Personen und Diskurse hineinversetzen sowie Neues als auch Gemeinsames entdecken kann (Domenig 2007).
In transkulturellen (Konfliktlösungs-)Prozessen stehen zudem bestimmte Aspekte im Vordergrund: etwa die Auseinandersetzung mit Systemen und Systemkräften; das Interesse am Menschen, den Ressourcen und der Frage, wie sie optimal genutzt werden können, um zur konstruktiven Transformation beizutragen und die Entwicklung von Potenzialen auf allen Seiten voranzutreiben; die Erweiterung von Kompetenzen und Persönlichkeit; die Einbeziehung von Authentizität und Diversitätstoleranz sowie die Konstruktion von Synergien (Treichel / Mayer 2011).
Entsprechend den im transkulturellen Diskurs gelegten Schwerpunkten zeigt sich, dass systemisches Denken und systemische Interventionen mögliche Ergänzungen zum transkulturellen Verständigungsdiskurs leisten können. Gleichzeitig können auf der Basis transkultureller Kompetenzen Grundannahmen systemischen Denkens und systemische Interventionen dabei helfen, Konflikte in transkulturellen Kontexten zu lösen. Dies ist möglich, da sich transkulturelle Kompetenzen und systemische Denkansätze überschneiden und ergänzen: Solche gibt es in beiden Ansätzen, beispielsweise die Prinzipien der Reflexivität, der Lösungsorientierung, des Synergiedenkens und der Ressourcenorientierung. Diese Prinzipien werden dann einfach aus den unterschiedlichen kulturellen Perspektiven betrachtet und verbal verhandelt.
Transkulturelle systemische Interventionen
Konfliktlösungs- und Mediationsprozesse, die in transkulturellen Kontexten stattfinden, sollten Kultur als systemrelevant anerkennen und können systemisches Denken und Interventionen nutzen, um Kultur zu erschließen (Lanfranchi / Radice von Wogau / Emmermacher 2004). Teil transkultureller systemischer Kompetenz ist, die Sprache des kulturellen Systems zu erlernen, Ähnlichkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Bedeutung von Sprache zu erfahren und Sprachbarrieren zu überwinden, generell Migrationshintergründe und ihre systemische Relevanz nachzuvollziehen und systemische Interventionen kulturangemessen einzusetzen.
Systemische Interventionen in transkulturellen Konfliktlösungs- und Mediationsprozessen, die als besonders hilfreich über kulturelle Systemgrenzen hinweg beschrieben werden (Mayer / Viviers 2016), beinhalten den Einsatz systemischer Kommunikationstechniken, wie beispielsweise zirkuläre, hypothetische oder Skalierungsfragen. Zirkuläre Fragen laden beispielsweise dazu ein, den vermuteten Standpunkt dritter Personen einzunehmen: „Was meinen Sie, was Herr Mursai denkt, wenn er seine Chefin dies sagen hört …?“ Antworten auf solche Fragen geben Auskunft über Beziehungen und werden oftmals als indirekte Fragen verstanden. Dies kann in bestimmten kulturellen Systemen hilfreich sein, wenn beispielsweise lineare, direkte Fragen als unhöflich oder im Blick auf bestimmte Themen als zu direkt gelten. Skalierungsfragen hingegen bieten die Möglichkeit, Einschätzungen abzugeben, ohne viele Worte zu verwenden. Sollten Skalierungsfragen in bestimmten Kulturen nicht bekannt sein, so ist dies kein Problem, da sie immer einführend erklärt werden sollten. Ein Beispiel für eine Skalierungsfrage wäre: „Wenn Sie an die Fusion Ihrer Unternehmen denken, wie beunruhigt sind Sie, dass Sie nach Orlando umsiedeln müssen, auf einer Skala von 1 (nicht beunruhigt) bis 10 (sehr beunruhigt)?“

Als eine weitere wichtige Intervention in transkulturellen Settings erweisen sich Hypothesenbildungen, welche den Beteiligten die Möglichkeit geben, sie auf ihre (kulturelle) Angemessenheit hin zu überprüfen. So könnte beispielsweise mit Ankündigung eine systemische Mediatorin in transkulturellen Zusammenhängen die Hypothese aufstellen: „Ich könnte mir vorstellen – nur einmal angenommen und rein hypothetisch –, dass es aus Ihrer Sicht nicht möglich ist, Ihrer Vorgesetzten eine solche Frage direkt zu stellen. Liege ich da richtig oder sehen Sie das anders?“
Auch die Wunderfrage (de Shazer 2004) als systemische Intervention, um neue Perspektiven zu eröffnen und Lösungen präsent werden zu lassen, kann kulturübergreifend eingesetzt werden, da es in vielen Sprachen und Kulturen Zukunftsformen gibt und mit Imagination gearbeitet werden kann. So könnte beispielsweise gesagt werden: „Stellen Sie sich vor, Ihr Problem wäre über Nacht wie durch ein Wunder gelöst. Woran würden Sie merken, dass dieses Wunder geschehen ist?“
Doch auch weitere systemische Interventionen wie Kontextualisierungen, Externalisierungen (z. B. „Stellen Sie sich vor, Ihr Unmut über diese Situation würde in den Urlaub gehen. Was würden Sie dann machen?“) und Metaphernarbeit (z. B. „Sie beschreiben Ihren Mitarbeiter als ein ‚rotes Tuch‘. Wie könnte er denn zum Träger einer ‚weißen Fahne‘ für Sie werden?“) sowie das Erkennen (kultureller) Muster als auch ihre gezielte Unterbrechung (z. B. „Sie sagen, Sie beobachten, dass Ihre brasilianischen Mitarbeiter gerne lachen und bei der Arbeit Spaß haben, während Ihre deutschen Kollegen wenig kommunizieren und ernsthaft bei der Arbeit sind. Welche Position nehmen Sie in dem Gesamtsystem ein und was könnten Sie tun, damit alle einmal ganz anders reagieren, als Sie es gewohnt sind?“) sind systemische Interventionen, mit denen in transkultureller Konfliktlösung und Mediation gearbeitet werden kann.
Solche Interventionen sollten jedoch kultursensibel eingesetzt werden. Das bedeutet, dass beispielsweise mit Metaphern gearbeitet wird, die in ihrer Bedeutung und Übertragung kulturell verstanden werden können, bzw. Kontextualisierungen beschrieben werden, die Kontexte berücksichtigen, die bekannt und kulturell entsprechend verstanden und Wirkung zeigen können.
Eine weitere systemische Interventionsmethode ist die Aufstellungsarbeit, die bereits in der transkulturellen Beratungs- und Konfliktlösungsarbeit eingesetzt wird. Für transkulturelle Mediationen erscheint sie als besonders geeignet, da sie nicht nur verbale, sondern auch nonverbale Aspekte in die Lösungsarbeit einbezieht und Beziehungsmuster im Raum repräsentativ abbildet. So können in Einzel- bzw. Gruppenarbeit bestimmte Phänomene, Repräsentanten von Personen, Themen oder Konfliktaspekte im Raum durch menschliche Vertreter oder Gegenstände „aufgestellt“ werden. Unter systemischem Blick werden die Beziehungen der Elemente repräsentiert durch die Vertreter betrachtet bzw. Erkundigungen über das Befinden (körperlich, seelisch etc.) eingeholt.
Die hier kurz beschriebenen Interventionen können dabei helfen, in transkulturellen Situationen alternative Sichtweisen zu erschließen, neue Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen aufzudecken sowie Probleme lösungs- und ressourcenorientiert zu bearbeiten. Sie erscheinen besonders relevant, da sie kulturübergreifend oftmals dazu geeignet sind, an bestimmte kulturelle Kontexte anzuknüpfen. Sie können kultursensibel eingesetzt werden und bieten Spielräume, um kulturelle Charakteristika in Sprache und / oder Ausdruck zuzulassen. Sie können aber auch die verbale Kommunikation und Konfliktlösung um nonverbale Aspekte ergänzen.
Fazit und Ausblick
Systemisches Denken und Transkulturalität sind komplexe Themen, die sich im Blick auf Konfliktlösung und Mediation synergetisch ergänzen können, da beide Ansätze von der Annahme der Systemrelevanz ausgehen und Denkansätze zugrunde legen, die kulturflexible Interventionen zulassen oder diese sogar fördern.
In Zukunft sollten sich Theorie und Praxis weiter der Aufgabe widmen, die Synergieeffekte systemischer Ansätze und transkultureller Konfliktlösungs- und Mediationsprozesse auszuloten. Dazu gehört sicherlich auch, in der Konfliktlösungs- und Mediationspraxis systemisches transkulturelles Denken und Handeln vertieft zu reflektieren und bewusst einzusetzen.


Der Beitrag erschien in: DIE MEDIATION IV / 2017 „Systemisch Denken“. Erfahren Sie mehr über die Fachzeitschrift im Bereich Konfliktmanagement, Mediation und Kommunikation.
Literatur
Bhugra, Dinesh / Becker, Matthew A. (2005): Migration, Cultural Bereavement and Cultural Identity. World Psychiatry 4 (1), S. 18–24.
De Shazer, Steve (2004): Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Heidelberg: Carl Auer.
Domenig, Dagmar (2007): Transkulturelle Kompetenz. Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Bern: Hans Huber.
Lanfranchi, Andrea / Radice von Wogau, Janine / Eimmermacher, Hanna (2004): Zugang von Migrantinnen zu den Sozial- und Gesundheitssystemen. In: Dies. (Hrsg.): Therapie und Beratung von Migranten. Weinheim: Beltz, S. 104–120.
Ludewig, Kurt (2005): Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie. Heidelberg: Carl Auer.
Luhmann, Niklas (2001): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Mayer, Claude-Hélène / Viviers, Rian (2016): Systemic Thinking and Transcultural Approaches in Coaching Psychology: Introducing a New Coaching Framework. In: Van Zyl, Llewellyn E. / Stander, Marius W. / Odendaal, Aletta (Hrsg.): Coaching Psychology: Meta-Theoretical Perspectives and Applications in Multi-Cultural Contexts. Cham: Springer, S. 205–230.
Treichel, Dietmar / Mayer, Claude-Hélène (Hrsg.) (2011): Lehrbuch Kultur. Lehr- und Lernmaterialen zur Vermittlung kultureller Kompetenzen. Münster: Waxmann.
Von Foerster, Heinz (1995): Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Von Schlippe, Arist / Schweitzer, Jochen (2009): Systemische Interventionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Welsch, Wolfgang (2011): Kultur aus transkultureller Perspektive. In: Treichel, Dietmar / Mayer, Claude-Hélène (Hrsg.): a. a. O., S. 149–157.
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