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Neurodiversität in der Mediation: Warum kein Mensch "normal" ist

In der fünften Folge von Fokus Mediation sprechen Prof. Dr. Gernot Barth – Herausgeber der auflagenstärksten Mediationsfachzeitschrift DIE MEDIATION – und Moderator des Podcasts Pascal Gemperli über ein Thema, das aktueller kaum sein könnte: Warum tun wir uns so schwer mit dem Begriff Diversität, und weshalb löst Vielfalt oft mehr Offenheit aus?

Vielfalt statt Diversität: Warum Worte eine Rolle spielen

Rein inhaltlich ließe sich vieles, was wir heute unter dem Begriff „Vielfalt“ verhandeln, ebenso gut als „Diversität“ beschreiben: Unterschiede in Herkunft, Kultur, sexueller Identität, Lebensentwürfen, Persönlichkeitsstrukturen sowie in Denk- und Wahrnehmungsweisen. Dennoch kommt „Vielfalt“ häufig besser an. Der Begriff wirkt offener, zugänglicher und löst weniger Widerstand aus. Genau das ist entscheidend, denn es geht darum, Akzeptanz für die Realität menschlicher Unterschiedlichkeit zu schaffen, um überhaupt arbeits- und dialogfähig zu bleiben.

Sichtbare Unterschiede und neue gesellschaftliche Reibung

Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. Viele Differenzen, die schon immer existierten, sind heute sichtbarer und damit verhandelbarer geworden – kulturelle und religiöse Hintergründe, sexuelle Identitäten, unterschiedliche Lebensstile, Werte oder Sprachcodes. Neu ist also weniger die Existenz dieser Vielfalt, sondern vielmehr ihre Präsenz im öffentlichen Raum. Diese erhöhte Sichtbarkeit erzeugt Reibung, und Reibung wiederum schafft Konflikte. Doch Konflikte sind nicht nur Störung, sondern auch Entwicklungschance: Systeme verändern sich genau dort, wo Spannungen entstehen. Gleichzeitig tut diese Reibung weh – für Individuen wie für gesellschaftliche Gruppen.

Neurodiversität: Wenn Gehirne unterschiedlich arbeiten

Ein besonders relevanter Aspekt von Vielfalt ist die Neurodiversität. Dahinter steht die simple Annahme, dass wir zwar alle Menschen sind, unsere Gehirne jedoch nicht alle gleich funktionieren. Klaus Harnack beschreibt in seiner wissenschaftlichen Kolumne „Neurodiversität – Die Mehrheit denkt anders“ in der Ausgabe Vielfalt der Fachzeitschrift DIE MEDIATION, dass davon auszugehen ist, dass etwa 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung neurodivers sind. Sie weichen also in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung oder Verhalten vom statistischen Durchschnitt ab, ohne damit automatisch „krank“ zu sein. Dazu gehören Menschen mit Diagnosen wie ADHS oder Autismus ebenso wie Hochsensibilität, besondere Muster in Aufmerksamkeit, Strukturierung oder Kommunikation – aber auch viele, die nie diagnostiziert wurden und dennoch „anders“ denken, fühlen oder reagieren.

Für die Mediation bedeutet das: In einem typischen Setting mit zwei Parteien und einer Mediatorin oder einem Mediator ist in rund 70 Prozent der Fälle mindestens eine neurodiverse Person beteiligt. Neurodiversität ist also nicht Ausnahme, sondern Regelfall.

Was heißt das für die Praxis der Mediation?

Für die mediative Arbeit bedeutet Neurodiversität jedoch nicht, dass Mediatorinnen und Mediatoren plötzlich zu Neuropsycholog:innen werden müssen. Wichtiger ist eine entsprechende Haltung. Anstelle vorschneller Etikettierungen braucht es echte Neugier: Wie nimmt diese Person ihre Situation wahr? Was braucht sie, um sich ausdrücken zu können? Klassische Fragen wie „Wie geht es Ihnen gerade?“ oder „Was brauchen Sie, um gut weiterarbeiten zu können?“ bleiben zentrale Werkzeuge, sofern sie ernst gemeint und offen gestellt werden. Gleichzeitig ist eine klare Struktur wichtig, insbesondere für neurotypische Menschen. Dennoch sollten Mediator:innen flexibel davon abweichen, wenn sichtbar wird, dass die Parteien auf anderen Wegen besser arbeiten können.

Grenzen der Sprache: Nicht jeder denkt in Worten

Dass Sprache nicht für alle Menschen der beste Kommunikationskanal ist, gewinnt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung. Mediation basiert traditionell auf gesprochener Sprache – doch viele Menschen denken in Bildern, Metaphern oder Geschichten, tun sich schwer, Gefühle direkt in Worte zu fassen, benötigen mehr Zeit zur Reizverarbeitung oder drücken sich lieber schriftlich oder kreativ aus. Wenn wir alle Teilnehmenden in denselben sprachlich-linearen Modus zwingen, passen sich viele zwar an, verlieren aber an Ausdruckskraft. Sinnvoller wäre es daher, dass sich Mediator:innen den Mediand:innen anpassen, nicht umgekehrt.

Methodenvielfalt: Wege über das Gespräch hinaus

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich ein großes Potenzial für Methodenvielfalt. Mediator:innen können – und sollten – Angebote jenseits des reinen Gesprächs machen. Metaphernarbeit kann helfen, innere Bilder zugänglich zu machen. Visualisierungen durch Skizzen, Symbole oder Konfliktlandkarten schaffen Klarheit, ebenso wie räumliche Aufstellungen mit Figuren oder Bodenankern, die Strukturen und Beziehungen sichtbar machen. Auch schriftliche Elemente wie kurze Reflexionen können Menschen helfen, ihren inneren Prozess zu ordnen. Während in Wirtschaftsmediationen hierfür häufig Hürden bestehen, sind solche Methoden in Familienkontexten meist natürlicher einsetzbar. Entscheidend bleibt immer das Gespür dafür, wer wofür offen ist und zu welchem Zeitpunkt.

Selbstreflexion: Bin ich selbst neurodivers – und wie beeinflusst das meine Arbeit?

In der wissenschaftlichen Kolumne von Klaus Harnack wird zudem ein kleiner Selbsttest vorgestellt, der dafür sensibilisiert, wie unterschiedlich Menschen Reize, Strukturen und soziale Situationen erleben. Für Mediator:innen kann die Selbstreflexion besonders wertvoll sein: Wenn man selbst anders strukturiert ist, visuell denkt oder Reize anders verarbeitet, kann das eine Ressource in der Arbeit sein – sofern man sich dieser Muster bewusst ist. Es geht darum, Struktur zu beherrschen, aber flexibel genug zu bleiben, sie zugunsten der Bedürfnisse der Parteien loszulassen.

Den Test hören Sie in der Podcastfolge! Machen Sie gern mit.

Grundhaltung: Alle Menschen sind gleich – und jeder Mensch ist anders

Eine hilfreiche Grundhaltung in der Mediation lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Alle Menschen sind gleich – und jeder Mensch ist anders. Was im Alltag banal wirkt, ist methodisch hoch relevant. Wer glaubt, alle funktionierten ähnlich, sucht nach Standardlösungen. Wer hingegen akzeptiert, dass jeder Mensch individuell strukturiert ist, öffnet sich für vielfältige Ausdrucksformen und damit für unterschiedlichste Wege zu Verständnis und Einigung.

Fazit: Vielfalt ernst nehmen heißt, Arbeit ernst nehmen

Vielfalt – ob kulturell, sozial, sexuell oder neurodivers – ist weder nur „bunt und schön“ noch nur „anstrengend und nervig“. Sie ist beides gleichzeitig: eine enorme Ressource für Kreativität, neue Lösungen und Lernen, und zugleich eine Herausforderung, die Konzentration, Methodenvielfalt und echte Offenheit erfordert.

Für die Mediation bedeutet das, Worte bewusst zu wählen, Menschen nicht zu diagnostizieren, sondern zu verstehen, Zugänge über das gesprochene Wort hinaus auszubauen und die eigene Haltung immer wieder zu überprüfen. Denn am Ende sind es nicht unsere Konzepte von Diversität, die den Unterschied machen, sondern unsere konkrete Art, mit echter Unterschiedlichkeit umzugehen.

 

Immer auf dem Laufenden

Wenn Sie Interesse haben an weiteren Folgen der Podcast-Reihe „Fokus Mediation“ von Pascal Gemperli mit Prof. Dr. Gernot Barth, dann schauen Sie gern rein in die Folge eins „Warum unsere Gesellschaft eskaliert?“, in die Folge zwei zu innerbetrieblicher Mediation „Warum kluge Unternehmen frühzeitig Mediatoren einsetzen – bevor es teuer wird“ und Folge drei zum Aufbau von Konfliktmanagementsystemen „Konfliktmanagement im Unternehmen: Kosten senken und Kultur stärken“. In Folge Nummer vier "Wer fragt, der führt!" ging es um Fragetechniken. 

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