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Kurskorrektur statt Neustart

Uns allen ist der hin und wieder aufkeimende Wunsch, dem Leben beruflich oder privat eine neue Wendung zu geben, bekannt. Was für manchen eine latente Sehnsucht nach einem Ausbruch aus Alltagsroutinen ist, entwickelt für den anderen mit der Zeit einen starken Leidensdruck. Nur ein Neustart erscheint dann sinnvoll, verheißt er doch ein neues Leben, das dem eigenen Wesen besser entspricht als das alte. Doch ist dem wirklich so? Folgt man der wissenschaftlichen Logik, ist ein anderer Weg erfolgversprechender.

Von: Klaus Harnack

Initium probus est utique correptio /Eine Korrektur ist ein guter Anfang.

(Verfasser unbekannt)

Wäre es nicht manchmal schön, wenn das Leben wie Windows© funktionieren würde? Tritt ein Problem auf, gibt es eine einfache Lösung, die in vielen Fällen eine Besserung bewirkt: Herunterfahren und Neustarten.

Der Wunsch nach einem radikalen Ausbruch aus dem bisherigen Ich, aus alten Umwelten und Mustern, nach einer Tabula rasa, ist tief verwurzelt in uns Menschen. So vielfältig und unterschiedlich wie die dahinterliegenden Motive ist das Spektrum der Relevanz. Es reicht von banaleren Dingen wie einer profanen Lifestyleoptimierung über Job- oder Partnerwechsel bis hin zu grundsätzlichen Entscheidungen wie Flucht und Migration.

Der Ursprung des Veränderungsbedürfnisses

Was bei einem Computerproblem eine einfache, zweckmäßige Lösung darstellt, ist bei Menschen, besonders in der banalen Dimension, ein echter false friend. Dieser vollbringt nichts anderes, als das Begehren heraufzubeschwören, den Status quo zu optimieren, ohne die schmerzhaften Verluste eines wahren Neustarts in Kauf nehmen zu müssen. Ein Grundproblem ist dabei die Ambivalenz des Sinnbildes, das einerseits wohltuende Neuerung verspricht, andererseits aber die schmerzlichen Einschnitte ignoriert, welche die Abkehr von alten Gewohnheiten, hart erarbeiteten Annehmlichkeiten und vertrauten Beziehungen mit sich bringen. Der ersehnte Bruch ist nämlich keinesfalls ein einladender bequemer Weg, da unser Verhalten hauptsächlich auf eingeübten Routinen basiert und wir nach Sicherheit und Wiedererkennung in der Zukunft streben, was zusammen die Basis unserer Komfortzone ausmacht, die wir nur sehr ungern verlassen. Auch wenn somit das mechanistische und geschichtsnegierende Sinnbild eines Computerneustarts bereits in vielen Teilen hinkt, ist eine Gemeinsamkeit nicht zu leugnen: Es sind oftmals Krisen oder eben „Fehlfunktionen“ in unserem Leben, die den Wunsch nach einem Neustart auslösen. Im Folgenden sollen dementsprechend die Metapher des Neustarts zu einem Bild der Kurskorrektur relativiert und einige Mechanismen dargestellt werden, die sich als gute Stellschrauben bei der Neuorientierung und dem Problemlösen erwiesen haben.

Betrachtet man die Idee des Neustarts aus dem Blickwinkel der wohlsituierten Mittelschicht, die ihre Motivation eher aus den Dingen der profaneren Kategorie zieht, offenbart sich, dass der Wunsch nach einem Neustart eher einem intensionalen Selektionsprozess als einer radikaleren Neuorientierung gleicht. Die (möglichen) Verluste eines echten Resets spielen in diesen Überlegungen jedenfalls keine größere Rolle. Ja, wir wollen einen neuen Job, aber auf die Sicherheit der bisherigen Entlohnung wollen wir nicht verzichten. Ja, wir wollen das Prickeln einer neuen Beziehung, aber eben nicht die Bürden einer Entflechtung der alten Partnerschaft auf uns nehmen. So erscheint dieser Weg nur mit einem großen Überschuss an Ressourcen begehbar und gleicht einem kindischen Rosinenpicken, das bekanntermaßen nach der anfänglichen Süße nur Bauchschmerzen bereitet. Was nun noch übrigbleibt, ist die Möglichkeit der Kurskorrektur innerhalb eines Kontinuums, doch diese bedarf des Instrumentariums des Problemlösens und der Handlungstheorie.

Erst Warum und dann Wie

Ein wichtiger Bestandteil dieses Instrumentariums sind die Fragen, die wir uns stellen müssen, wenn eine Korrektur des bisherigen Lebensweges angestrebt wird. Der Meister des philosophischen Zweifelns, Friedrich Nietzsche, beschrieb einen wesentlichen Mechanismus der Handlungstheorie mit der Aussage „Wer ein Warum im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Erst wenn ein tragendes Warum gefunden wird, ergibt die Suche nach dem Wie einen Sinn. Bei einer Nichtbeachtung dieser Reihenfolge zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass dies zum langfristigen Scheitern des Vorhabens führt. Die richtige Abfolge illustriert ein echter Klassiker der Handlungsplanung: das Rubikon-Modell. Dieses geht zurück auf den römischen Bürgerkrieg im Jahr 49 v. Chr., der am gleichnamigen italienischen Fluss seinen Anfang nahm. Julius Caesar hatte sich nach der Beantwortung des Warums für das Wie des Bürgerkrieges zwischen seinen Truppen und denen des Gnaeus Pompeius Magnus entschieden.

In Zukunft vielleicht mal weniger statt immer mehr

Für die Behandlung der Frage nach dem Wie sei hier ein wichtiger Hinweis gegeben, der in den zahlreichen Publikationen zu dem Thema häufig nicht erwähnt wird. Es ist die oftmals übersehene Möglichkeit des Kürzens eines Sachverhalts, die zu einer Lösung führen kann. Die meisten Menschen tendieren jedoch dazu, nach einer Erweiterung und Hinzufügung bei der Kurskorrektur zu streben. Dieses Verhaltensmuster, das tief in uns zu schlummern scheint, wurde kürzlich in einer hochkarätigen Nature-Publikation aufgezeigt (Adams et al. 2021). Sie belegt, dass wir beim Lösen von Problemen viel eher dazu neigen, Dinge zu einem bestehenden Konstrukt hinzuzufügen, anstatt über eine Reduzierung und Vereinfachung der Situationen nachzudenken und für eine Lösung in Betracht zu ziehen, was zu einer Verkleinerung des Lösungsraumes führt.

Die wichtigsten Wirkmechanismen

Neben den richtigen Fragen und dem Hinweis auf ein fokussiertes Wie ist der Einbezug der Zeit eine weitere notwendige Zutat für einen gelungenen Kurswechsel. Änderungen ergeben sich leichter durch kleine Anpassungen, die ähnlich einem langsamen und erst spät sich bemerkbar machenden Zinseszinseffekt funktionieren. Dies bedeutet allerdings, dass der Fokus eher auf dem Prozess und weniger auf dem Ziel liegen sollte. Anstatt ruckartig das Ruder herumzureißen, gilt es kleine Handlungen vorzunehmen und auf den Prozess zu vertrauen.

Stabilisierend wirkt hierbei, wenn der Wunsch nach Veränderung intrinsisch und nicht extrinsisch motiviert ist. Viele Studien konnten belegen, dass intrinsische Motivation langfristig viel effektiver ist als extrinsische (u. a. Ryan / Deci 2000; Morris 2022). Extrinsisch motivierte Änderungen, wie zum Beispiel monetäre Entlohnung, entfalten eher eine kurze Wirkung und funktionieren, wenn überhaupt, nur bei klar definierten, überschaubaren und einfachen Aufgaben.

In conclusio

Auch wenn der Neuanfang à la Windows© in Summe wohl keine echte Option in der Lebensgestaltung darstellt, gibt es eine gute Nachricht für alle diejenigen, die Veränderung suchen. Sowohl die Neurologie als auch die Psychologie bescheinigen uns gute Voraussetzungen für einen Wandel. So ist unsere Hardware, das Gehirn, wunderbar plastisch und flexibel und auch die Software, die Psyche, zeigt sich bestens geeignet, um uns verhaltenstechnisch anzupassen. Wichtig dabei ist, dass wir unsere Vergangenheit nicht negieren, die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge stellen und anerkennen, dass Routinen den Hauptmechanismus unseres Handelns darstellen und sich nur sehr schwer abrupt ändern lassen.

So endet dieses kleine Stück, wie auch Horrorfilme häufig enden – mit einer Ernüchterung nach dem vermeintlichen Sieg des Guten über das Böse, wenn in der letzten Filmszene das Böse schemenhaft und in versteckter Gestalt im Hintergrund doch wieder auftaucht. Dies übernimmt hier und für uns das arabische Gleichnis Tod in Teheran, das der Gründer der Logotherapie Viktor Frankl in seinem Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen (1946) wiederholt zitiert: „Ein reicher und mächtiger Perser lustwandelte einmal in Begleitung seines Dieners durch den Garten seines Hauses. Da jammert der Diener, er habe soeben den Tod gesehen und der habe ihm gedroht; flehentlich bittet der Diener seinen Herrn, ihm das schnellste Ross zu geben, damit er sich eilends auf den Weg machen und nach Teheran flüchten könne, wo er noch am Abend des gleichen Tages ankommen wolle. Der Herr gibt ihm das Ross, der Diener galoppiert davon. Auf dem Rückweg ins Haus aber begegnet der Herr selbst dem Tod. Da stellt er ihn zur Rede: ,Warum hast du meinen Diener so erschreckt, warum hast du ihm gedroht?‘ Da sagt der Tod: ,Ich habe ihm doch nicht gedroht! Ich wollte ihn auch gar nicht erschrecken. Ich habe wohl nur erstaunt getan, weil ich überrascht war, ihn noch hier zu sehen, wo ich ihn doch heute Abend in Teheran treffen soll!‘“ (Frankl 2009).

Literatur

Adams, Gabrielle S. et al. (2021): People Systematically Overlook Subtractive Changes. Nature 592 (7853), S. 258–261. DOI: 10.1038/s41586-021-03380-y.

Frankl, Viktor E. (2009): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Mit einem Vorwort von Hans Weigel. München: Kösel.

Morris, Laurel S. et al. (2022): On What Motivates us: A Detailed Review of Intrinsic v. Extrinsic Motivation. Psychological medicine 52 (10), S. 1801–1816. DOI: 10.1017/S0033291722001611.

Ryan, Richard M. / Deci, Edward L. (2000): Intrinsic and Extrinsic Motivations: Classic Definitions and New Directions. Contemporary educational psychology 25 (1), S. 54–67. DOI: 10.1006/ceps.1999.1020.

 

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Der Beitrag "Kurskorrektur statt Neuanfang" erschien in Die Mediation Ausgabe "Neuanfang" Quartel 4 - 2023.

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