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Die Gerechtigkeitsverhandlung: Fairness methodisch bearbeiten
Aus DIE MEDIATION: Warum Fairness ausdrücklich Thema werden sollte
Eine rechtlich mögliche Lösung kann für Konfliktparteien dennoch ungerecht wirken. In der Mediation ist dieses Empfinden zentral, weil tragfähige Vereinbarungen mehr brauchen als formale Stimmigkeit. Sie müssen für die Beteiligten nachvollziehbar sein und zur eigenen Lebenswirklichkeit passen.
Die sogenannte Gerechtigkeitsverhandlung setzt genau hier an. Sie lädt die Parteien ein, vor der Lösungssuche zu klären, woran sie eine faire Einigung erkennen würden. Dadurch wird ein oft emotional aufgeladenes Thema in konkrete Kriterien übersetzt, die im weiteren Verfahren Orientierung geben.
Die Methode wurde von Bernd Lichtenauer und Ewald Robering in ihrem Beitrag „Der Wunsch nach einer gerechten Lösung. Die Gerechtigkeitsverhandlung“ beschrieben. Der Artikel erschien in Die Mediation, Ausgabe II/2017, sowie in der Sonderausgabe „Methoden der Konfliktlösung“.
Der methodische Ablauf
Der Ablauf ist klar strukturiert. Zunächst formulieren die Parteien jeweils für sich, welche Bedingungen aus ihrer Sicht erfüllt sein müssten, damit eine spätere Vereinbarung als fair erlebt werden kann.
Diese Kriterien werden anschließend sichtbar gemacht, etwa auf einem Flipchart oder einem digitalen Board. Danach werden Verständnisfragen geklärt, mit deren Hilfe die Parteien prüfen, welche Fairnesskriterien von beiden Seiten getragen werden können.
Aus den gemeinsam akzeptierten Kriterien entsteht ein Prüfrahmen für die weitere Lösungssuche. Spätere Optionen können daran gemessen werden: Entspricht dieser Vorschlag dem, was die Beteiligten zuvor als fair beschrieben haben? Trägt diese Lösung die Kriterien, auf die sich die Parteien verständigt haben?
Wann die Methode hilfreich ist
Für Mediatorinnen und Mediatoren ist dieser Schritt hilfreich, wenn Fairness bereits im Raum steht. Häufig zeigt sich das in Aussagen wie „Das ist unfair“ oder „So kann ich dem auf keinen Fall zustimmen“.
Die Gerechtigkeitsverhandlung macht sichtbar, welche Erwartungen hinter solchen Aussagen liegen. Sie unterstützt die Beteiligten dabei, vom spontanen Gerechtigkeitsempfinden zu besprechbaren Maßstäben zu kommen.
Was sich dadurch verändert
Der Nutzen liegt vor allem in der Strukturierung. Die Parteien sprechen früh über die Kriterien, an denen sie eine Lösung später messen werden. Dadurch wird die Lösungssuche nachvollziehbarer. Zugleich kann Vertrauen entstehen, weil die Beteiligten erleben, dass ihre Vorstellungen von Fairness ernst genommen werden.
Auch für die Abschlussvereinbarung kann die Methode wertvoll sein. Wenn eine Lösung an gemeinsam entwickelten Fairnesskriterien geprüft wurde, steigt die Chance, dass sie innerlich mitgetragen wird. Eine solche Vereinbarung wirkt stabiler, weil sie für die Beteiligten plausibel begründet ist.
Fazit
Die Gerechtigkeitsverhandlung zeigt sehr praktisch, wie Mediation mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit umgehen kann. Sie gibt Fairness einen festen Platz im Verfahren und macht sie für die gemeinsame Arbeit nutzbar.
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